Eine Stunde fürs Leben!

https://www.kunstsammlungen-zwickau.de/de/max-pechstein/foerderpreis

Die Aria fermata – chant of a washing machine ist eine Arbeit, die für die Bienale in Lyon 2019 entstanden ist. Diese große Ausstellung fand in den ehemaligen Fagor Brandt Werken statt, in einem Vorort von Lyon. Fagor Brandt produzierte in den riesigen Hallen zum Beispiel Elektrofahrzeuge, aber auch Waschmaschinen. Die Geschichte des Ortes hat mich interessiert, weil es auch die Geschichte von globalen Kapitalflüssen ist. Die Produktion wurde erst nach Polen outgesourct und dann schließlich nach Algerien. In Lyon haben natürlich mit der Schließung des Werkes viele Arbeiter*innen ihre Jobs verloren. Mit der Bienale wurde auch das Viertel aufgewertet, ein schiweriger Vorgang.

Ich wollte, dass die Waschmaschine ihren kleinen Opern-Auftritt hat, an dem Ort wo sie jetzt nicht mehr produziert wird. Dafür habe ich Rosa Klee angefragt, eine Musikerin, die den Gesang der Waschmaschine, ihre Solo-Arie sozusagen, nach einem längeren Probenprozess für mich geschrieben hat. Das Stück wird – wie in der klassischen Oper – durch einen eher ‚erzählenden‘ Teil, das Rezitativ, eingeleitet. Rosa Klee hat dafür auch eine eigene Notation entwickelt, die wie eine Verständigung zwischen uns beiden funktioniert.

Im Titel verstecken sich mehrere Bedeutungen. Die Fermate ist ein Zeichen in der Musik für ein Innehalten. Sie verlängert den Ton oder die Pause, über der sie steh. Sie hält die Spannung: Ist nun etwas abgeschlossen, geschlossen, verschlossen (fermé)? Wie geht es weiter, und wann ist der richtige Moment dafür? Beim Gesang der Waschmaschine kann man sich fragen: Wird der ermüdende Kreislauf sich fortsetzen oder passiert etwas anderes?

Hier schließen sich gleich feministische Fragen an. Denn es geht in der Aria fermata auch um die Unsichtbarkeit von Hausarbeit und reproduktiver Arbeit, die ja meist von Frauen gemacht wird und Abwertung erfährt. Und im Schleudergang wird die Aria auch sehr laut – es geht natürlich auch um die Arbeiter*innen der alten Fagor Brandt Werke und deren Rechte.

Für mich war dann an der Einladung nach Zwickau eine historische Analogie besonders interessant – nämlich die Textilarbeitendenstreiks von Crimmitschau. Während in Lyon im 19. Jahrhundert die Seidenweber*innen mit Aufständen für die Verbesserungen ihrer Lebens-und Arbeitsbedingungen kämpften, ging es Anfang des 20. Jahrhunderts in Crimmitschau ebenfalls um den Kampf für die eigenen Rechte, zum Beispiel den 10 Stunden Tag. Beides sind Beispiele, wie sich Arbeiter*innen gegen die kapitalitsische Ausbeutung zur Wehr setzen. Slogans in Crimmitschau waren dabei zB Eine Stunde für uns, eine Stunde für unsere Familie, eine Stunde fürs Leben.

Um diese Geschichten und Kämpfe zu verknüpfen, habe ich für Zwickau diese drei Fahnen nähen lassen und maschinell bestickt. Sie sind aus einem Rohgewebe, ein Damast einer alten sächsischen textilfirma. Ich verstehe sie fast schon als Denkmal für die Arbeiter*innen der Region. Obwohl der 10 Stunden Tag beim Streik von Crimmitschau nicht sofort erkämpft wurde, wurde er dann dennoch einige Jahre später eingeführt. Für mich sind die Forderungen aber trotzdem noch aktuell – Gesellschaftssystem und Wirtschaftsweise hat sich ja nur in Teilen geändert. In der „schneller, höher, weiter“ Logik ist eine Stunde für mich, eine für mein soziales Umfeld und eine fürs Leben jeden Tag immer noch etwas, was womöglich eingefordert werden muss.

Ich bedanke mich bei Silke Wagler für die Nominierung sowie bei Samuel Arnold und Rosa Klee.